Verfasser-Archiv

Die Tür ist zugeschlagen …

Gedanken zu jeder Jahreszeit, angeregt von Landesbischöfin Margot Käßmann:

„Ich denke, als Atheistinnen und Atheisten haben wir ein tieferes Lebensgefühl als andere. Wir wissen uns gehalten von der Realität in diesem Leben und darüber hinaus ist nichts. Und wir fühlen uns nur unseren Mitmenschen gegenüber verantwortlich. Deshalb sind unsere Türen denjenigen verschlossen, die sich da eine andere Meinung leisten. Und in unseren Herzen ist nicht einmal Mitleid.“

Handbuch-Karaoke (engl. Instruction Manual Karaoke)

Was tun, um sich weiter zu bilden? Was tun, um sich am Unwissen anderer zu bereichern? Ach was, selber nichts wissen, aber dafür stundenlang dozieren zu können, das müsste man können.

Wo heute die Ausmaße einer gewöhnlichen Computer-Anwendung die gewöhnliche Vorstellungskraft um astronomische Größenordnungen übersteigt, bieten pfiffige Autoren und “Unternehmer” eine patente Lösung an: Das Handbuch-Karaoke, ‘Tschuldigung, eine Schulung mit generativen Titeln wie: Access in 3 Tagen. Wenn das nicht hilft, dann geht’s weiter mit Access in 5 Tagen. Usw, usf bis zur Erreichung der geistigen Kotzgrenze und dann noch weiter: to bravely go where no man has gone before. Programmname kann beliebig ausgewechselt werden. Das beste dran ist: man braucht selber keine Ahnung, bloß das entsprechende Handbuch. Denn, wie immer, fangen wir heute liebe Schüler und Schülerinnen mit Seite 1 an, dann kommt Seite 2. Also logisch aufgebaut ist’s. Und manche Handbücher haben doch eine riesige Seitenzahl, das nimmt doch kein Ende. Vor allem: bevor die Fat Lady gesungen hat, d.h. während das Karaoke noch andauert, darf keine(r) an den Rechner. Ideal für den unter Wert gehandelten Selbstdarstellungskünstler. Jetzt müssen alle zuschauen und -hören, auch wenn es nach Nickerchen aussieht.

Eine gewisse Strukturierung ist nicht zu verkennen: Funktion a sieht so aus: benötigt Variablen b, c, d, wahlweise auch e, f, g, die als Zeichenketten, Zahlen, Ganzzahlen oder auch Arrays vorhanden sein müssen und liefert die Ergebnisse h. i. j. Funktion k sieht so aus… Das zumindest lässt sich doch leicht merken.

Als Beispiel aus der real existierenden Welt nehmen wir mal Mark Maslakowski’s Teach Yourself MySQL in 21 Days. Sage und schreibe 532 Seiten. Das gibt ein dickes Honorar, zumal beim Abstraktionsgrad des Stoffes wird man tatsächlich nie mehr als 3 Seiten pro Sitzung “verdauen” können. Kleines Manko: Maslakowski könnte mit einer Datenbank auch nicht arbeiten, wenn er sich damit das Leben retten müsste. Dafür gibt es kleine Witzelchen zu Aufheiterung. Aber auch der Ernst des Lebens kommt nicht zu kurz: Was so alles böses mit Datenbanken geschehen kann! Zum Glück weiß man all das, ohne die Finger mit MySQL schmutzig machen zu müssen. Dafür haben andere Generationen schon für uns geschuftet. Oh ja, und 21 Tage? Ja, leider müssen einige Wochenenden dran glauben, sonst verpufft der pädagogische Effekt.

Und was macht man mit dem ganzen geisterhaften Wissen? Das verrate ich in der nächsten Folge: “Frankenstein Pädagogik”.

Bank ohne Volk

Geld hin- und herzuschieben wäre schwer genug, wenn es nicht auch noch eine nörgelnde Kundschaft dazugäbe. Also ersann sich eine Volxbank mit 0511er Vorwahl ihre eigene Endlösung: die Volxbank.direkt.

Ich war eigentlich mit der bisherigen Volxbank im großen und ganzen zufrieden, abgesehen davon, dass die monatliche Abrechnungen nie nachvollziehbar und immer ohne finanzamtliche Daten überreicht wurden und dass gelegentlich eine Auslandsüberweisung um €10 verkürzt wurde, weil „Die Schweiz nicht in der EU“ ist. „EU?“ Sollen sie mal selber Lesen lernen! Da die Schweiz zum EWR gehört, sind Überweisungen von und bis da nach Gesetz gebührenfrei. Aber kassieren, das war kein Problem.

Doch die Versuchung, ein kostenloses Konto führen zu dürfen, war doch zu groß, und ich erkundigte mich in der Filiale. Nur: dort konnte man kein Konto beantragen, das ginge nur über eine Telefonnummer. Das hätte mal nachdenklich stimmen sollen. Was soll’s, aber denkt der Glückliche Angesicht seines Ziels, rufen wir da mal an, bekommen die Formulare, schicken wir sie zurück, schon ist das Konto eingerichtet.

Aus dem Nachdenken kam ich leider nicht mehr raus. Das neue kostenlose Konto war als Unterkonto meines alten Hauptkontos eingerichtet. Das heißt – ja richtig – ohne kostenpflichtiges Hauptkonto kein Nebenkonto. Das war natürlich fein ausgedacht. Bevor ich jedoch, mein ganzes Geld auf das kostenlose Konto verfrachtete (immerhin konnte ich mir die einzelnen Gebühren für Überweisungen dadurch ersparen, so hoffte ich zumindest), wartete ich auf die „kurzfristig“ versprochene Lieferung von Bankkarte und PIN/TAN. Denn ja ohne Instrumente konnte ich gar keine Überweisungen in Gang setzen, geschweige denn mein Geld abheben.

Und wartete. Zwei Monate. Als ich dann mit etwas Empörung verlangte, dass die versprochenen Instrumente aber dalli bei mir einzufinden hätten, bekam ich eine lapidare E-Mail, in der nur davon die Rede ist, dass wir alles noch in Ruhe miteinander besprechen wollen. Ich weiß nicht, wie Sie eine E-Mail von der Bank betrachten, aber inzwischen dürfte klar sein, dass alle solche E-Mails grundsätzlich als Betrugsversuche einzustufen sind. Wie naiv können diese Personen denn sein?

Es kam dann auch nichts mehr. Ich kündigte alle Konten dann fristlos und führte meine Geschäfte bei einer anderen Bank, was zur allgemein komischen Folge hatte, dass die Volxbank seelenruhig die alten Konten weiter führte. Nun, wenn die einem das Konto kündigen, wird von heute auf gestern dicht gemacht, keine Fragen bitte! Aber wenn der Kunde den Stecker zieht… Der von der Volxbank eingeschaltete Rechtsverdreher ließ sich allerlei windige Ausreden einfallen und nur eine Strafanzeige konnte ihn von der Notwendigkeit des Handelns statt des Gelabers überzeugen.

Ich will mich eigentlich nicht so sehr über das schäbige und dumme Verhalten der Bank beschweren – das hätte doch jedem passieren können. Denn: inzwischen ist ein Geschäft – pardon, ein Enterprise (so wird eine juristische Person bezeichnet, die nur aus Computern besteht) – derart unübersichtlich, dass niemand mehr sagen kann, wo vorn und hinten ist. Vermutlich hatte mal der Vorstand die Idee, Bankgeschäfte voll automatisch laufen zu lassen. Prima Idee, spart unter Umständen ja auch Geld und Ärger. Setzen wir’s mal um und sehen, ob es klappt. Klappt es nicht, dann Dumm gelaufen und keiner kann sagen, warum. Seit einigen Monaten höre ich überhaupt nichts mehr von der Direktbank. Vielleicht sind die Kundenzahlen hinter den Erwartungen zurückgeblieben und man hat es anders überlegt. Warum das so gewesen ist, hätte jedoch kein Vorstand sagen können. Hat die Werbung nicht gewirkt, wollten die Kunden nicht sparen? Die Bank wird es nie wissen können, dass sie in diesem Fall einer Fata Morgana aufgesessen ist. Aber stellen wir uns mal vor, die Direktbank sei so ausgelegt, dass alle Gelder nach sonst wohin verbucht werden.

Mir riecht es – vornehm ausgedrückt – nach der alten Masche der versprochenen wunderbaren Geldvermehrung – oder auch anders: nach altmodischem Betrug. Bank ohne Volk? Volk ohne Geld!

Call DHL

Hat man das Pech zu arbeiten, stellt man bei der nächsten Gelegenheit fest, welche Kundenfreundlichkeit die verschiedenen Paketdienste an den Tag legen.

Wir haben es mal mit dpd versucht. Der kann sehr gut die Pakete irgendwo auf die Straße hinlegen. Diese Lösung ist jedoch als suboptimal erkannt worden. Daher versucht der Zusteller, irgendeinen Nachbarn zu finden, der bereit wäre die Sendung anzunehmen, weit fortgeschrittene Demenz spielt da keine Rolle. Das beste: man darf die Lagerfähigkeit der Nachbarn zeitlich unbegrenzt ausnutzen, da der Zusteller nie eine Benachrichtigung hinterlässt, dass eine Sendung vorliegt. Echt Klasse, spart doch die Suche nach einer größeren Wohnung (für mich jedenfalls).

DHL wirbt neuerdings damit, dass sie die Formel 1 beliefert. Das ist recht beeindrückend angesichts ihrer üblichen Leistung. Sollte man nicht zuhause sein, bekommt man ein Zettel, auf dem steht, wen man anrufen kann. (Nebenbei bemerkt, ob eine international agierende Firma es wirklich nötig hat, die 3 Cent pro Minute dafür zu kassieren?) Dort angerufen steht eine labyrinthisches Computersystem zur Verfügung. „Nationale oder internationale Sendung?“ Keine Ahnung. Macht auch nichts, egal welche Tasten man betätigt hat, sagt das nette Fräulein, „Tut mir leid, Sie müssen eigentlich die XY wählen.“ Seufz. „Aber ich kann Sie weiter verbinden.“ Wozu dann die Computeranlage?

Eine Zweitzustellung zu arrangieren, das wär’s! Dafür stehen drei Zeiten zur Verfügung: 7 bis 1, 1 bis 7 und nachts. Häh? Jeder Heizungsableser muss pünktlicher sein als das. Ah, da wäre noch die Packstation, oder? „Nö. Der Absender hat das nicht vorgesehen. Außerdem, kennen Sie die Nummer der Packstation?“ Was – „und außerdem“? „Oder Sie können die Sendung bei uns abholen.“ Kaum zu glauben, ich lebe in einer Großstadt und darf 20 km fahren, um ein Paket abzuholen.

Also rücken die Juristen an. Zweifache schriftliche Mahnung an DHL: Zweitzustellung an die Packstation, sonst präventiver Nuklearschlag. Lapidare Email eines Herrn Müllers (echt, alles wirklich Müller): Packstation kennen wir nicht. Zurück an Absender: Annahme verweigert.

Vielleicht auch richtig so. Die Packstation ist zwar von oben bis unten mit „DHL“-Aufklebern versehen, da fehlt eine Hausnummer oder sonstige Erkennung. Ein Potemkinsches Dorf? Da kommt ein Pärchen und fragt ganz vorsichtig, ob ich helfen könnte, ein Paket sei hier abzuholen. Ja, wo liegt das Problem? Da sehe ich, dass beide blind sind. Die Sendung, die sie abholen wollen: eine Blindensendung. Hilfsbereit, wie ich nun einmal bin, führe ich die beiden in das Gebäude, bediene die Maschine und hole das Paket für sie heraus. Alleine hätten sie keine Chance.

Nachtrag im November, 2008: DHL wird aus den USA von der Deutschen Post abgezogen. Wen wundert’s?

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