Handbuch-Karaoke (engl. Instruction Manual Karaoke)

Was tun, um sich weiter zu bilden? Was tun, um sich am Unwissen anderer zu bereichern? Ach was, selber nichts wissen, aber dafür stundenlang dozieren zu können, das müsste man können.

Wo heute die Ausmaße einer gewöhnlichen Computer-Anwendung die gewöhnliche Vorstellungskraft um astronomische Größenordnungen übersteigt, bieten pfiffige Autoren und “Unternehmer” eine patente Lösung an: Das Handbuch-Karaoke, ‘Tschuldigung, eine Schulung mit generativen Titeln wie: Access in 3 Tagen. Wenn das nicht hilft, dann geht’s weiter mit Access in 5 Tagen. Usw, usf bis zur Erreichung der geistigen Kotzgrenze und dann noch weiter: to bravely go where no man has gone before. Programmname kann beliebig ausgewechselt werden. Das beste dran ist: man braucht selber keine Ahnung, bloß das entsprechende Handbuch. Denn, wie immer, fangen wir heute liebe Schüler und Schülerinnen mit Seite 1 an, dann kommt Seite 2. Also logisch aufgebaut ist’s. Und manche Handbücher haben doch eine riesige Seitenzahl, das nimmt doch kein Ende. Vor allem: bevor die Fat Lady gesungen hat, d.h. während das Karaoke noch andauert, darf keine(r) an den Rechner. Ideal für den unter Wert gehandelten Selbstdarstellungskünstler. Jetzt müssen alle zuschauen und -hören, auch wenn es nach Nickerchen aussieht.

Eine gewisse Strukturierung ist nicht zu verkennen: Funktion a sieht so aus: benötigt Variablen b, c, d, wahlweise auch e, f, g, die als Zeichenketten, Zahlen, Ganzzahlen oder auch Arrays vorhanden sein müssen und liefert die Ergebnisse h. i. j. Funktion k sieht so aus… Das zumindest lässt sich doch leicht merken.

Als Beispiel aus der real existierenden Welt nehmen wir mal Mark Maslakowski’s Teach Yourself MySQL in 21 Days. Sage und schreibe 532 Seiten. Das gibt ein dickes Honorar, zumal beim Abstraktionsgrad des Stoffes wird man tatsächlich nie mehr als 3 Seiten pro Sitzung “verdauen” können. Kleines Manko: Maslakowski könnte mit einer Datenbank auch nicht arbeiten, wenn er sich damit das Leben retten müsste. Dafür gibt es kleine Witzelchen zu Aufheiterung. Aber auch der Ernst des Lebens kommt nicht zu kurz: Was so alles böses mit Datenbanken geschehen kann! Zum Glück weiß man all das, ohne die Finger mit MySQL schmutzig machen zu müssen. Dafür haben andere Generationen schon für uns geschuftet. Oh ja, und 21 Tage? Ja, leider müssen einige Wochenenden dran glauben, sonst verpufft der pädagogische Effekt.

Und was macht man mit dem ganzen geisterhaften Wissen? Das verrate ich in der nächsten Folge: “Frankenstein Pädagogik”.

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